Pressefreiheit in Südkorea – Wahrheit oder Märchen?

Nur im vorderen Mittelfeld

Gemäss der aktuellen Rangliste der Pressfreiheit, welche jährlich von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ publiziert wird, liegt Südkorea weltweit auf dem 60. Rang (Total 180). Während Finnland auf dem ersten Platz trohnt, schafft es die doch sehr westlich angehauchte demokratische Republik nur ins vordere Mittelfeld. Ich muss zugeben, dies hat mich doch überrascht und es diente zudem als Anstoss, mich genauer mit dem Verhältnis zwischen Medien, Staat und Politik auseinanderzusetzen. Die Schweiz befindet sich gemäss der Rangliste übrigens nur auf dem 20. Platz. Ein Schelm wer dabei Böses denkt.

Südkoreas Verfassung sieht zwar eine unabhängige Presse vor, trotzdem ist der Einfluss des Staates auf die Berichterstattung deutlich spürbar. Doch drehen wir das Rad der Zeit ein Wenig zurück.

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Sonnenschein-Politik unter Präsident Kim Dae-jung

Der Einfluss der Regierung auf die Medien und die Berichterstattung lässt sich gut anhand der Sonnenschein-Politik unter Präsident Kim Dae-jung (1998-2003) illustrieren. Während dieser Periode, wurde der damalige nordkoreanische Führer Kim Jong-il von den südkoreanischen Medien nicht als Diktator, sondern als „Chairman“ bezeichnet. Nur wenige Journalisten trauten sich über die Menschenrechtsverletzungen oder die Massenvernichtungswaffen des nördlichen Nachbars zu berichten. Die Wenigen, die es taten, wurden als Störenfriede und Brandstifter bezeichnet, welche die Bemühungen für eine friedliche Annäherung zu den verlorenen Brüdern und Schwestern gefährden würden.

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Pyongyang, 15. Juni 2000: Präsident Kim Dae-jung und der ehemalige nordkoreanische Diktator Kim Jong-il treffen sich freundschaftlich

Präsident Kim verbot ausserdem den Besuch des Dalai Lama, dies um die wichtigen wirtschaftlichen Beziehungen zu China nicht zu stören. Auch in diesem Fall berichtete die Presse dementsprechend und vertrat die Standpunkte der Regierung. Es fand kein kritischer Diskurs über den Tibet-China Konflikt statt.

„Wer heute zu kritisch ist, landet im Sportressort“

Auch heute, über 10 Jahre später, ist die Pressefreiheit ein sensibles Thema und aktueller denn je. Im Jahre 2008 berichtete der Journalist Il Jun Song in einer TV-Dokumentation über die Gefahren von Rindfleischimporten aus den USA. Er arbeitete damals für den Rundfunksender MBC (Munhwa Broadcasting Corporation). Nur kurze Zeit später wurde er kaltgestellt. Obwohl er einen anschliessenden Gerichtsprozess gewann, darf er seitdem nur noch kleinere Projekte koordinieren. Ein weiterer Journalist, welcher die Macht der koreanischen Regierung, unter der aktuellen Präsidentin Park Geun-hye zu spüren bekam, ist Keun-Haing Lee. Er arbeitete als investigativer Reporter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunksender KBS (Korean Broadcasting System). Weil er die Politisierung seines Senders nicht mehr weiter dulden wollte und aktiv dagegen protestierte, wurde es kurzum ins Sportressort versetzt!

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Kritische Stimmen verbleiben

Il Jun Song und Keun-Haing Lee arbeiten heute beide für den unabhängigen Online -TV-Sender Newstapa. Newstapa ist der grösste verbliebene Player des investigativen und regierungskritischen Journalismus in Südkorea und ist ausserdem der einzige nationale Partner des International Consortium of Investigative Journalists. Dies ist ein internationales Netzwerk mit über 190 investigativen Journalisten, welches in über 65 Ländern vertreten ist. Newstapa berichtet zwei Mal in der Woche über Themen, welche vom Rest der Medienlandschaft nicht abgedeckt werden. Trotzdem gibt es, zu meinem Erstaunen, auch in der Redaktion von Newstapa ein Tabuthema. Es gibt in Südkorea das Gesetz über die nationale Sicherheit. Dieses schreibt im Prinzip vor, dass Nordkorea böse ist. Somit ist es verboten, jegliche Sympathien gegenüber Nordkorea auszudrücken, bzw. zu publizieren. Tut man dies nicht, ist es mit der Freiheit vor Kontrolle durch den Staat auch schnell wieder vorbei.

Seriöser Journalismus oder Revoluzzer?

Als ich mich während meiner Recherchen mit Newstapa auseinandergesetzt habe, habe ich mich einige Male gefragt, ob es sich dabei um seriösen, kritischen und investigativen Journalismus handelt, oder ob es schlicht und einfach eine revolutionäre Bewegung ist, welche versucht mit Verschwörungstheorien Aufmerksamkeit zu erlangen. Diese Frage lässt sich abschliessend nur sehr schwierig beantworten. Unter anderem ist dies darauf zurückzuführen, dass viele Informationen über diese Organisation nur in koreanischer Sprache vorhanden sind. Um meine persönliche Meinung zu vervollständigen und um euch weitere interessante Infos zu liefern, werde ich versuchen mit der Organisation Kontakt aufzunehmen und eventuell einen Interview-Termin zu vereinbaren. Ich kann an dieser Stelle nichts versprechen, doch ich gebe wie immer mein Bestes!

Abschliessend möchte ich noch erwähnen, dass ich mit diesem Beitrag keinerlei Brandstiftung betreiben möchte. Es ist ja nicht so, dass ich mich in einem Land wie Russland, China oder Nordkorea befinde, wo die Medien von der Regierung total instrumentalisiert werden. Eine gewisse Zensur oder „strukturelle Korruption“ findet überall statt. Dies hatte bereits der berühmte französische Soziologe Pierre Bourdieu, in seinem Werk „Über das Fernsehen“ (1996), erkannt. Trotzdem möchte ich versuchen mich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Hoffe euch hat’s gefallen!

Zusätzliche Infos

Hier ein interessanter Artikel der Südddeutschen Zeitung aus dem Jahre 2012. Betrifft das oben erwähnte Gesetz über die nationale Sicherheit und welche Folgen es mit sich ziehen kann, wenn man dagegen verstösst.

http://www.sueddeutsche.de/politik/parodie-auf-propaganda-aus-nordkorea-gericht-bestraft-suedkoreanischen-twitterer-1.1534419

Hier eine Video-Dokumentation von Newstapa über das Fährunglück aus dem Jahre 2014. Ein kritischer Bericht über das Handeln der Regierung während dieser grossen Krise.

Quellen

Pressreference: „South Korea“, unter:

http://www.pressreference.com/Sa-Sw/South-Korea.html (abgerufen am 13.11.2015)

Felix, Lill: „Wer zu kritisch ist, landet im Sportressort“, unter:

http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-02/suedkorea-journalismus-newstapa (abgerufen am 13.11.2015)

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