„Ich möchte einmal der Hugh Hefner von Südkorea werden“

Es ist kurz nach Mittag. Ich sitze im Kaffee, schlürfe genüsslich an meinem Vanilla Latte und versuche mir gerade einen Überblick über die kommenden Prüfungen und Präsentationen zu verschaffen. Doch da öffnet sich plötzlich die Tür und mein Interview-Partner schreitet herein. Zu behaupten der Raum hätte sich wegen seiner körperlichen Statur abgedunkelt wäre wohl ein wenig übertrieben, trotzdem wirkt Wan Choi inmitten all den Asiaten, wie ein Hühne unter seinesgleichen.

Ich kenne Wan aus der Klasse „Broadcasting Media, Contents&User“. Er war mir von Anfang an aufgefallen, da er jeden Tag seine, in Tupperware rationierten, Menus im Klassenzimmer verspeiste und diese anschliessend immer mit einem Protein-Shake herunterspülte. Es war ausserdem mühsam wenn man im  Unterricht hinter ihm sitzen musste, da man dann aufgrund seines breiten Rückens, fast nicht mehr nach vorne sah. So kamen wir eines Tages ins Gespräch. Er zeigte reges Interesse für meinen Blog und für meine Idee koreanische Studenten zu interviewen.

So sitzen wir heute also hier und er beginnt gleich aus dem Nähkästchen zu plaudern. Ich habe keine konkreten Fragen vorbereitet. Das Gespräch soll möglichst offen und unkompliziert verlaufen. Ich merke bald, dass sich dies auszahlt.

Wan ist in Daegu, der viertgrössten Stadt Südkoreas, aufgewachsen. Während er mir seine Jugendzeit als typisch koreanisch (lernen, lernen, lernen) beschreibt, fällt mir auf wie seine Blicke immer wieder abschweifen und er durch das Fenster die vorbeifahrenden Autos beobachtet. Ich spreche ihn darauf an und er erklärt mir, dass er deutsche Autos mag. Besonders Mercedes. Diese würden für ihn die „europäische Macht“ repräsentieren.

Er sei ein ganz normaler koreanischer Teenager gewesen. Seine Eltern seien sehr konservativ und er verbrachte die meiste Zeit damit sich intellektuell weiterzubilden. So kam es auch, dass er die High School als Klassenbester abschloss. Seine Eltern seien sehr stolz auf ihn gewesen. Während er mir dies erzählt, spüre ich, wie eine gewisse Emotionalität in ihm aufkommt.

Nach der Highschool absolvierte Wan den obligatorischen Militärdienst. Dieser dauert in Südkorea ganze zwei Jahre. Im Unterschied zum WK in der Schweiz, ist es den Soldaten nicht erlaubt am Wochenende nach Hause zu gehen. Man ist ständig in einer Basis stationiert und hat pro Jahr lediglich 25 Ferientage zu gute. Es herrscht auch striktes Handyverbot. Nur per Münztelefon kann man einige Minuten mit seinen Liebsten kommunizieren. Wan beschreibt seine Zeit im Militär trotzdem ziemlich positiv. Er habe dort viel fürs Leben gelernt und hat dort auch mit dem Bodybuilding begonnen.

Bodybuilding und das Lernen für die Universität sind heute Wan’s grösste Hobbies. Langsam beginne ich zu realisieren, dass Wan ein spezieller Zeitgenosse ist. Auf die Frage, warum er dann so viel trainiere, hat er eine interessante Antwort parat. Für einen Koreaner habe er kein schönes Gesicht, daher müsse er dies mit einem Astralkörper kompensieren. Ich merke schnell, dass er dies total ernst meint. Zudem hat er einen speziellen Wochenplan, was die Kleidung betrifft. Er trägt jeweils jeden Tag die gleichen Kleider, sprich hat er ein Outfit für den Montag, Dienstag, Mittwoch etc.. Dies tut er, weil er sich nicht jeden Tag überlegen möchte, was er anzuziehen hat. Er möchte diese Energie nicht verschwenden und diese lieber in das tägliche Lernen investieren.

Als ich ihn gegen Ende des Gespräches auf seine Zukunftspläne ansprach, fiel eine weitere, sehr amüsante, Äusserung. Er wolle nach dem Studium schnell eine steile Karriere im Wirtschaftsbereich hinlegen. Sein Ziel sei es, so viel Geld zu verdienen um sich eines Tages eine Villa leisten zu können, die er dann mit einem Dutzend Models bewohnt. „Ich möchte einmal der Hugh Hefner von Südkorea werden“, erzählt er mir in prahlerischer Art und Weise.

Am Schluss des Gespräches wollte ich noch gerne ein Bild von ihm machen, um es auf dem Blog zu posten. Er bat mich jedoch darum dies nicht zu tun. Er stehe nicht gern in der Öffentlichkeit. Irgendwie paradox…

 

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